Kommentar

Die Piazza Zenetti ist ein Modell für die Zukunft

7. November 2018, René Götz

Der öffentliche Platz ist für den Menschen. Er soll praktisch, aber auch schön sein. In der Großstadt wird das zunehmend schwieriger. Einen Platz sinnvoll für alle Verkehrsteilnehmer, aber auch mit Aufenthaltsqualität für die Anwohner einzurichten, ist ein Drahtseilakt. Vieles muss „unter einen Hut“ gebracht werden. Mit dem Zenettiplatz im Schlachthof- und Viehhofviertel hat City2share, zusammen mit der Stadt München und Green City als Partner, ein erfolgreiches Pilotprojekt gestartet.

Für sechs Wochen hat man einem sehr unscheinbaren Platz mehr Aufenthaltsqualität gegeben und fit für eine Zukunfts-Idee gemacht. Parkplätze (zugegebenerweise stark umkämpft) gegen einen Ort für die Nachbarschaft und die moderne Mobilität im Rahmen von Car- & Bike-Sharing getauscht.

Die temporäre Gestaltung (durch Felix Lüdicke, www.raumzeug.de) mit vielen Sitzmöglichkeiten, Bücherschrank, analoger Infotafel und Flaschenfach wurde positiv angenommen und weckte Wünsche für mehr Nachbarschaft und unkonventionelle Projekte dieser Art. So konnte sich die Nachbarschaft über die Infotafel auf nicht-digitalem-Weg austauschen und miteinander verbinden. Man traf sich zum gemeinschaftlichen Abendessen und Kids spielten immer wieder auf der liebgewonnenen Fläche. Auch mit unseren Hofgesellschaften, Blumenbind- oder Siebdruckaktionen konnten wir Nachbarn spontan begeistern. Die Bereitschaft der Anwohner war in jedem Fall da – beim Einpflanzen, beim Bücherschank durchstöbern, beim einfach miteinander „Abhängen“.

Die zweite Hälfte des Zenettiplatzes stand im Zeichen der neuen Mobilität. Leihen statt Besitzen. Verschiedene Anbieter im CarSharing und die MVG-Bikes mit kleiner Elektroflotte bieten einen zukunftsweisendenen Grundstock eines neuen mobilen Konzeptes.

Negative Stimmen möchten natürlich lieber ihre Parkplätze wieder. Aber ist das wirklich die Zukunft einer stark wachsenende Großstadt? Mehr Parkplätze für noch mehr überdimensionierte Autos? Sollten öffentliche Plätze nicht lebenswerter und grüner werden – mehr Treffpunkt mit Sitzmöglichkeiten und Aktionspunkten für die Anwohner? In meinen Gesprächen mit den Kritikern wurde es oftmals nur negativ gesehen. Auf die Frage nach einem besseren Vorschlag oder gar Engagement für ein lebenswerteres Stadtbild folgte oftmals ein Zucken mit den Schultern oder eine unrealistische Utopie. Selten konstruktiv.

Das Viehhofviertel erlebt aktuell natürlich eine große Veränderung – wie so viele Viertel. Das dort entstehende Volkstheater, der Bahnwärter Thiel mit der wundervollen „Alten Utting“ oder die regelmässig aufkommende Diskussion um den Umzug des Schlachthofs. Große Veränderungen schüren natürlich Bedenken. Sie müssen aber nicht schlecht sein. Besonders nicht dann, wenn man aktiv mitgestalten kann. So wie es die Stadt München vorbildlich und aktiv mit Bürgerdialogen auch macht.

Genau diese positive Piazza-Zenetti-Vision benötigen wir für weitere Viertel. Gerne individuell auf die lokalen Gegebenheiten abgestimmt. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mehr gut gemeintes Miteinander, mehr kreative Ideen und mehr Versuche, etwas besser und gemeinschaftlicher zumachen.

Die Piazza Zenetti ist ein toller und spannender Ansatz. Mobilität in neuem Gewand und gelebte Nachbarschaft direkt vor der Haustür – gut kombiniert.

Hoffen wir somit auf eine positive Entscheidung der Stadt München zur Weiterführung für 2019 und dass diese Art von Pilotprojekten mehr positive Stimmen für sich gewinnen kann. Auf dass unsere schöne Stadt lebens- und liebenswert ist und auch bleibt.

Ich bin auf jeden Fall dabei : )

Schreibt uns gerne Eure Vision an hallo@rene-goetz.de.

Weitere Informationen:
· www.city2share.de
· Bericht Süddeutsche Zeitung (02.11.18)